Schlaf, Training, Ernährung, Vitamin D, Probiotika, Hygiene, Lüften und Impfungen: Was die aktuelle Forschung darüber weiß, wie Sportlerinnen und Sportler ihr Risiko für Atemwegsinfekte vom Herbst bis zum Frühjahr möglichst klein halten können.
Der Herbst beginnt, die Tage werden kürzer – und irgendwann beginnt auch wieder dieses Spiel: Im Büro hustet jemand. Im Verein fehlen die Ersten beim Training. Im Fitnessstudio wird geschnieft. Im Zug sitzt zwei Reihen weiter jemand, dessen Erkältung offenbar unbedingt mitreisen möchte.
Für uns Sportlerinnen und Sportler ist das mehr als lästig. Ein Atemwegsinfekt kann eine Trainingswoche kosten, einen Wettkampf gefährden oder genau die Konstanz unterbrechen, auf der langfristige Leistungsentwicklung beruht.
Entsprechend groß ist der Markt für alles, was angeblich das „Immunsystem stärkt“: Vitamin C, Vitamin D, Zink, Probiotika, Ingwer-Shots, spezielle Tees, Pflanzenextrakte und diverse Kombinationen daraus.
Die aktuelle Forschung zeichnet allerdings ein deutlich nüchterneres – und gleichzeitig hilfreicheres – Bild.
Gesund durch den Winter kommt man wahrscheinlich weniger durch den einen außergewöhnlichen Wirkstoff als durch viele erstaunlich gewöhnliche Entscheidungen.
Zunächst: Eine Erkältung bekommt man nicht, weil einem kalt war
Was wir umgangssprachlich „Erkältung“ nennen, wird in aller Regel durch Viren verursacht. Rhinoviren gehören zu den häufigsten Auslösern, daneben zirkulieren zahlreiche weitere respiratorische Viren.
Kälte allein infiziert niemanden.
Dass Atemwegsinfekte trotzdem vor allem in der kalten Jahreszeit auftreten, hat mehrere Gründe. Temperatur und Luftfeuchtigkeit beeinflussen die Stabilität und Übertragung einiger Viren sowie möglicherweise auch lokale Abwehrmechanismen der Atemwege. Gleichzeitig verbringen Menschen im Herbst und Winter wesentlich mehr Zeit gemeinsam in Innenräumen.
Und genau dort liegt ein entscheidender Punkt für Sportlerinnen und Sportler.
Training wird vom Park in die Halle verlegt. Mannschaften sitzen gemeinsam in Kabinen. Fitnessstudios werden voller. Wettkämpfe finden indoor statt. Dazu kommen Busse, Bahnen, Vereinsheime, Büros, Schulen und Weihnachtsfeiern.
Das Virus braucht also keinen frierenden Körper.
Es braucht vor allem eine Gelegenheit zur Übertragung.
Die moderne Sportmedizin betrachtet deshalb zwei Seiten
Wer Atemwegsinfekte vermeiden möchte, kann an zwei Stellen ansetzen:
Wie häufig komme ich mit Krankheitserregern in Kontakt?
Unter welchen Bedingungen trifft dieser Erreger auf meinen Körper?
Das klingt banal, verändert aber den Blick auf Erkältungsprävention erheblich.
Denn wer perfekt schläft, hervorragend isst und Vitamin D im Idealbereich hat, kann sich trotzdem bei einem erkrankten Trainingspartner anstecken.
Umgekehrt lässt sich nicht jeder Viruskontakt verhindern. Dann wird relevant, in welchem Zustand sich Schlaf, Energieversorgung, Trainingsbelastung und allgemeine Gesundheit befinden.
Die stärkste Strategie ist deshalb nicht entweder Hygiene oder Ernährung.
Es ist die Kombination.
1. Schlaf könnte der unterschätzteste „Immunbooster“ sein
Wenn es einen Bereich gibt, dessen Bedeutung für Sportlerinnen und Sportler regelmäßig unterschätzt wird, dann ist es Schlaf.
Ein besonders eindrucksvolles Experiment stammt zwar bereits aus dem Jahr 2015, ist methodisch aber bis heute bemerkenswert: Gesunde Erwachsene wurden zunächst mehrere Tage hinsichtlich ihres Schlafs beobachtet und anschließend kontrolliert einem Erkältungsvirus ausgesetzt.
Menschen, die in den Nächten zuvor weniger als sechs Stunden geschlafen hatten, entwickelten deutlich häufiger eine Erkältung als Personen mit mehr als sieben Stunden Schlaf. Bei weniger als fünf beziehungsweise fünf bis sechs Stunden war das Erkrankungsrisiko in dieser Untersuchung etwa viermal so hoch.
Das beweist nicht, dass jede kurze Nacht eine Erkältung verursacht. Es zeigt aber ungewöhnlich direkt, dass Schlaf mit der tatsächlichen Anfälligkeit gegenüber einer Virusinfektion zusammenhängen kann.
Gerade im Sport ist das relevant. Training am frühen Morgen, späte Wettkämpfe, Reisen, beruflicher Stress und intensive Trainingsphasen können den Schlaf verkürzen.
Ein guter Herbstvorsatz könnte deshalb wesentlich unspektakulärer sein als ein neues Supplement:
Nicht dauerhaft Training auf Kosten des Schlafs finanzieren.
Für Erwachsene gelten ungefähr sieben bis neun Stunden als allgemeiner Orientierungsbereich, wobei der individuelle Bedarf unterschiedlich ist. Wer regelmäßig deutlich unter sieben Stunden bleibt und sich tagsüber nicht ausreichend erholt fühlt, hat vermutlich einen größeren Hebel gefunden als im Supplement-Regal.
2. Viel Training macht nicht automatisch krank
Jahrzehntelang wurde in der Sportwissenschaft häufig vom sogenannten „Open Window“ gesprochen: Nach sehr langen oder intensiven Belastungen sei das Immunsystem für einige Stunden geschwächt und Krankheitserreger hätten besonders leichtes Spiel.
Ganz so einfach ist die Geschichte inzwischen nicht mehr.
Intensive Belastungen verändern zahlreiche Immunparameter. Daraus lässt sich jedoch nicht automatisch ableiten, dass ein Sportler nach jeder harten Einheit klinisch relevant immungeschwächt ist.
Neuere sportmedizinische Arbeiten mahnen deshalb zur Vorsicht mit der alten Vorstellung: Bei einem erheblichen Teil der von Athletinnen und Athleten berichteten Atemwegssymptome lässt sich zudem gar kein infektiöser Erreger nachweisen. Reizung der Atemwege, Allergien oder andere nichtinfektiöse Ursachen können ähnliche Beschwerden auslösen.
Gleichzeitig gibt es durchaus Trainingsmuster, die mit mehr Atemwegserkrankungen verbunden sind. Ein systematischer Review aus der Arbeit zum IOC-Konsens nennt unter anderem hohe Trainingsmonotonie, Ausdauerprogramme, fehlendes Tapering vor Wettkämpfen, Wintertraining, Höhentraining und internationale Reisen als Faktoren.
Die praktische Konsequenz lautet deshalb nicht:
Im Winter weniger trainieren.
Sondern:
Belastung und Erholung sinnvoll organisieren.
Problematisch wird häufig weniger die einzelne harte Einheit als eine Phase, in der hohe Trainingslast, wenig Schlaf, beruflicher Stress, Reisen und unzureichende Ernährung gleichzeitig auftreten.
3. Wer viel trainiert, muss auch genug essen
Dieser Punkt dürfte für ambitionierte Ausdauersportlerinnen und -sportler besonders relevant sein.
Ein Körper kann nicht unbegrenzt Energie für Training, Regeneration, Stoffwechsel, Hormonsystem und Immunabwehr bereitstellen, wenn dauerhaft weniger Energie aufgenommen wird, als benötigt wird.
Das Konzept der Low Energy Availability und des daraus möglicherweise entstehenden Relative Energy Deficiency in Sport – REDs hat deshalb in den vergangenen Jahren stark an Bedeutung gewonnen.
Der IOC-Konsens beschreibt Beeinträchtigungen zahlreicher Körpersysteme einschließlich der Immunfunktion. Eine große systematische Übersichtsarbeit aus dem Jahr 2025 fand bei Athletinnen und Athleten mit niedriger Energieverfügbarkeit unter anderem schlechtere Trainingsreaktionen und eine höhere Wahrscheinlichkeit, wegen Krankheit im Training zu fehlen.
Das ist für den Herbst wichtig.
Gerade in Phasen mit hohem Trainingsumfang sollte eine Gewichtsreduktion nicht nebenbei dadurch entstehen, dass Mahlzeiten ausfallen oder Kohlenhydrate konsequent eingespart werden.
Auch Kohlenhydrate rund um lange Belastungen sind nicht ausschließlich Treibstoff für die Muskulatur. Studien zeigen, dass Kohlenhydratzufuhr während längerer Ausdauereinheiten den Anstieg bestimmter Stresshormone wie Cortisol und Adrenalin abschwächen kann.
Ob dadurch direkt weniger Erkältungen entstehen, ist allerdings deutlich weniger gut belegt.
Die sichere Aussage lautet deshalb:
Ausreichend essen schützt nicht garantiert vor Infekten. Chronisches Unterfueling ist für die Gesundheit von Sportlerinnen und Sportlern aber keine gute Strategie.
4. Vitamin D: wichtig – aber kein nachgewiesener Erkältungsschutz für alle
Kaum ein Nährstoff hat in den vergangenen Jahren so viele Hoffnungen geweckt wie Vitamin D.
Gerade für Sportlerinnen und Sportler klingt die Theorie plausibel: Im Winter sinkt in nördlichen Regionen die körpereigene Produktion über Sonnenlicht, Vitamin D ist an Immunprozessen beteiligt und ein Mangel sollte vermieden werden.
Daraus wurde allerdings häufig die wesentlich weitergehende Behauptung:
Vitamin D schützt vor Erkältungen.
Die aktuellste große Meta-Analyse im Lancet Diabetes & Endocrinology von 2025 umfasste Daten aus 40 randomisierten Studien mit mehr als 61.000 Teilnehmenden. Im Gesamtergebnis reduzierte Vitamin-D-Supplementierung das Risiko akuter Atemwegsinfekte nicht statistisch signifikant.
Das ist eine wichtige Aktualisierung gegenüber früheren Meta-Analysen, die noch einen kleinen präventiven Effekt gefunden hatten.
Für Sportlerinnen und Sportler bedeutet das:
Ein tatsächlicher Vitamin-D-Mangel sollte erkannt und behandelt werden. Daraus folgt aber nicht, dass jeder gesunde Mensch im Herbst hohe Vitamin-D-Dosen einnehmen sollte, um Erkältungen zu verhindern.
Mangel ausgleichen: sinnvoll. Vitamin D als garantierten Winter-Infektschutz betrachten: wissenschaftlich nicht gerechtfertigt.
5. Vitamin C: der Klassiker ist komplizierter als sein Ruf
Auch Vitamin C verdient eine differenzierte Betrachtung.
Für die Allgemeinbevölkerung zeigen große Übersichtsarbeiten keinen überzeugenden Schutz davor, überhaupt eine Erkältung zu bekommen. Regelmäßige Vitamin-C-Aufnahme kann die Dauer von Erkältungen geringfügig verkürzen.
Interessant für Sportlerinnen und Sportler ist allerdings eine Besonderheit älterer Studien: Bei Menschen, die vorübergehend extremer körperlicher Belastung ausgesetzt waren – darunter Marathonläufer, Skifahrer und Soldaten unter sehr kalten Bedingungen – war die Zahl der Erkältungen unter Vitamin C deutlich geringer.
Die Datengrundlage dafür ist jedoch relativ klein und überwiegend alt. Daraus lässt sich keine pauschale Empfehlung für hoch dosiertes Vitamin C für jeden Vereinssportler ableiten.
Wer sich abwechslungsreich mit Obst und Gemüse ernährt, nimmt Vitamin C ohnehin regelmäßig auf.
Ein täglicher Megadosen-Wettbewerb ist daraus wissenschaftlich nicht abzuleiten.
6. Zink ist eher Therapie-Thema als Präventionsstrategie
Ähnlich sieht es bei Zink aus.
Der aktuelle Cochrane-Review von 2024 kommt zu dem Ergebnis, dass vorbeugend eingenommenes Zink wahrscheinlich wenig oder gar keinen Einfluss darauf hat, ob eine Erkältung entsteht.
Bei einer bereits bestehenden Erkältung könnte Zink deren Dauer reduzieren. Gleichzeitig treten unter Zink häufiger unerwünschte Wirkungen auf.
Für unseren Präventionsplan bedeutet das:
Zink gehört nicht zu den überzeugendsten Maßnahmen, um prophylaktisch gesund durch den Winter zu kommen.
Ein tatsächlicher Zinkmangel ist natürlich etwas anderes und sollte ebenso wie andere relevante Nährstoffmängel behandelt werden.
7. Probiotika sind interessanter geworden – aber sehr produktspezifisch
Spannender hat sich die Forschung zu Probiotika entwickelt.
Eine große Netzwerk-Meta-Analyse aus eClinicalMedicine von 2025 wertete 107 randomisierte Studien mit mehr als 100.000 Erwachsenen aus. Bestimmte Probiotika sowie Kombinationen verschiedener Stämme waren mit einer geringeren Zahl von Atemwegsinfekten verbunden. Für Multi-Stamm-Probiotika lag die Risikoreduktion gegenüber Placebo in dieser Analyse ungefähr bei zehn Prozent.
Auch die Erkrankungsdauer und Symptomschwere könnten bei bestimmten Präparaten etwas geringer sein.
Bei Sportlerinnen und Sportlern existieren ebenfalls positive Studien – die Ergebnisse sind bislang jedoch nicht vollständig konsistent.
Der entscheidende Punkt lautet:
„Probiotikum“ ist keine einzelne Behandlung.
Unterschiedliche Bakterienstämme, Dosierungen und Kombinationen können vollkommen unterschiedliche Wirkungen haben. Ein positives Studienergebnis für Bifidobacterium animalis oder eine bestimmte Multi-Stamm-Kombination lässt sich nicht automatisch auf jedes Produkt im Supermarkt übertragen.
Probiotika gehören damit inzwischen zu den interessanteren Forschungsfeldern der Erkältungsprävention – aber noch nicht zu den Fundamenten, auf denen jeder Winterplan stehen sollte.
8. Selbst grüner Tee hat inzwischen interessante Daten – aber noch keinen Freifahrtschein
Eine überraschende Erkenntnis derselben Netzwerk-Meta-Analyse betrifft Catechine – sekundäre Pflanzenstoffe, die unter anderem in grünem Tee vorkommen.
In fünf randomisierten Studien war die Einnahme entsprechender Catechin-Präparate mit rund 21 Prozent weniger Atemwegsinfekten verbunden. Die Evidenz bewerteten die Autorinnen und Autoren für diesen Vergleich sogar als relativ sicher.
Das ist bemerkenswert.
Trotzdem sollte daraus nicht die Schlagzeile entstehen: „Grüner Tee verhindert Erkältungen.“
Untersucht wurden unterschiedliche Präparate und Darreichungsformen, und es fehlen viele direkte Vergleiche mit anderen Interventionen.
Für die Praxis bleibt grüner Tee deshalb vor allem ein Getränk, das problemlos Teil einer gesunden Ernährung sein kann – und dessen Inhaltsstoffe wissenschaftlich interessant sind.
Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.
9. Das wirksamste Supplement hilft wenig gegen schlechte Luft und einen hustenden Trainingspartner
Bei all der Diskussion über Vitamine gerät manchmal der banalste Teil der Infektionsprävention aus dem Blick:
Atemwegsviren müssen zunächst von einem Menschen zum anderen gelangen.
Sie werden unter anderem über infektiöse Partikel in der Atemluft übertragen. Besonders günstig sind dafür längere Aufenthalte mit vielen Menschen in geschlossenen, schlecht belüfteten Räumen.
Für den Sport bedeutet das: Umkleiden, Mannschaftsbusse, Vereinsräume, Indoor-Kurse, Fitnessstudios oder gemeinsame Reisen können relevanter sein als die eigentliche Trainingseinheit.
Ein systematischer Review zu Ausbrüchen im Sport fand beispielsweise gerade bei Indoor-Fitnessangeboten Hinweise auf schlechte Lüftung als wichtigen Faktor. Bei Mannschaftssportarten spielten häufig nicht einmal die Spiele selbst, sondern gemeinsame Aktivitäten außerhalb des Sports eine Rolle.
Daraus muss keine sterile Wintersaison entstehen.
Aber einige Gewohnheiten sind sinnvoll: regelmäßig lüften, Abstand zu offensichtlich Erkrankten halten, Trinkflaschen nicht teilen und bei Krankheit nicht aus falsch verstandener Trainingsdisziplin in eine volle Trainingsgruppe gehen.
Auch Händehygiene bleibt relevant. Im aktuellen Cochrane-Review war konsequentere Händehygiene mit einer moderaten Verringerung akuter Atemwegserkrankungen verbunden.
Nicht jedes Virus wird über Hände übertragen.
Aber Hände waschen bleibt erstaunlich konkurrenzfähig gegenüber vielen deutlich teureren „Immunsystem-Produkten“.
10. Vor wichtigen Wettkämpfen darf Infektionsschutz gezielter werden
Wer im November einfach gesund seine lockere Trainingswoche absolvieren möchte, wird sein Leben kaum um jeden möglichen Viruskontakt herum organisieren.
Vor einem Saisonhöhepunkt kann die Rechnung anders aussehen.
Internationale Reisen gelten bei Athletinnen und Athleten als Risikofaktor für Atemwegserkrankungen. Eine sportmedizinische Arbeit von 2024 beschreibt Flugreisen als besondere Situation: viele Menschen, enger Kontakt, längerer Aufenthalt im selben Innenraum.
Wer wenige Tage vor einem wichtigen Marathon, einer Meisterschaft oder einem Trainingslager unterwegs ist, kann deshalb bewusst Kontakte reduzieren, gut belüftete Bereiche bevorzugen und in dicht besetzten Innenräumen gegebenenfalls eine gut sitzende Maske als zusätzliche persönliche Schutzmaßnahme nutzen.
Die Studienlage zur Wirksamkeit von Masken auf Bevölkerungsebene ist heterogen und hängt stark von Maskentyp, Anwendung und tatsächlichem Tragen ab.
Für einen einzelnen Sportler bedeutet Prävention deshalb nicht, von Oktober bis März möglichst isoliert zu leben.
Es bedeutet, das persönliche Risiko dort bewusster zu reduzieren, wo eine Infektion besonders ärgerlich wäre.
11. Dauerstress zählt ebenfalls zur Trainingsbelastung
Ein Trainingsplan endet physiologisch nicht dort, wo Garmin oder Strava die Einheit beendet.
Der Körper unterscheidet nicht sauber zwischen Trainingsstress, Arbeitsstress, Prüfungsstress, familiären Belastungen und chronischem Schlafmangel.
Dass psychischer Stress die Infektanfälligkeit beeinflussen kann, zeigen einige der eindrucksvollsten Virus-Experimente überhaupt. Bereits klassische kontrollierte Studien fanden nach gezielter Exposition mit Erkältungsviren einen dosisabhängigen Zusammenhang zwischen psychischem Stress und tatsächlich nachgewiesenen Erkrankungen. Eine Meta-Analyse prospektiver Studien bestätigte den Zusammenhang später.
Auch aktuelle Forschung beschäftigt sich weiter mit diesem Mechanismus.
Für Sportlerinnen und Sportler entsteht daraus eine wichtige Konsequenz:
Trainingsbelastung sollte im Kontext des gesamten Lebens betrachtet werden.
Eine harte Trainingswoche während eines entspannten Urlaubs ist etwas anderes als dieselbe Woche zwischen Überstunden, fünf Stunden Schlaf und familiärem Stress.
Regeneration lässt sich (noch) nicht vollständig auf die Trainings-App auslagern.
12. Und was ist mit Training draußen in der Kälte?
Laufen bei fünf Grad macht nicht krank, nur weil es fünf Grad hat.
Auch nasse Haare erzeugen keine Rhinoviren.
Kalte und trockene Luft kann allerdings die Atemwege reizen. Besonders Menschen mit Asthma, Rhinitis oder empfindlichen Atemwegen können beim Sport entsprechende Beschwerden entwickeln. Zudem gibt es Hinweise darauf, dass Temperatur und Luftfeuchtigkeit lokale Abwehrmechanismen der Atemwege beeinflussen können.
Das rechtfertigt sinnvolle Kleidung und bei sehr kalter Luft gegebenenfalls einen Buff oder ein Tuch vor Mund und Nase.
Es ist aber kein Grund, Wintertraining grundsätzlich nach drinnen zu verlegen.
Im Gegenteil: Unter dem Gesichtspunkt der Virusübertragung kann eine lockere Runde draußen sogar günstiger sein als dieselbe Zeit mit vielen Menschen in einem schlecht gelüfteten Innenraum.
13. Impfungen schützen nicht vor „der Erkältung“ – aber vor bestimmten Erkrankungen
Es gibt keine Impfung gegen die Erkältung. Dafür sind zu viele unterschiedliche Viren verantwortlich.
Gegen einzelne relevante Atemwegserkrankungen existieren allerdings Impfungen, unter anderem gegen Influenza, COVID-19 und RSV.
Welche davon sinnvoll beziehungsweise von der STIKO empfohlen sind, hängt in Deutschland von Alter, Grunderkrankungen, beruflicher Situation und weiteren Risikofaktoren ab.
Für die Saison 2026 empfiehlt die STIKO die jährliche Influenza-Impfung standardmäßig ab 60 Jahren sowie für verschiedene Risikogruppen. Eine pauschale jährliche Influenza-Impfempfehlung für alle gesunden jüngeren Sportlerinnen und Sportler besteht in Deutschland damit nicht.
Auch die COVID-19-Empfehlungen wurden 2026 angepasst und konzentrieren sich bei regelmäßigen saisonalen Impfungen stärker auf ältere Menschen und medizinische Risikogruppen.
Für Sportlerinnen und Sportler ist deshalb weniger die Frage „Welche Impfung brauche ich als Athlet?“ entscheidend.
Sinnvoller ist:
Entspricht mein Impfstatus den aktuellen Empfehlungen für mein persönliches Risiko?
Der beste Winterplan beginnt deshalb schon vor der ersten Erkältung
Wer möglichst gesund vom Herbst bis zum Frühling kommen möchte, kann bereits ab September einige Grundlagen schaffen:
Schlaf ernst nehmen: ausreichend Zeit im Bett einplanen und chronische Nächte unter sechs bis sieben Stunden möglichst vermeiden.
Trainingsbelastung nicht isoliert betrachten: intensive Phasen mit Erholung kombinieren und hohe Trainingsmonotonie vermeiden.
Genug Energie zuführen: besonders bei hohem Ausdauerumfang nicht dauerhaft mit einem großen Energiedefizit trainieren.
Mängel gezielt statt auf Verdacht behandeln: Vitamin D, Eisen und andere relevante Werte bei begründetem Verdacht medizinisch überprüfen lassen, statt pauschal hoch zu supplementieren.
Innenräume mitdenken: lüften, volle schlecht belüftete Räume besonders vor wichtigen Wettkämpfen bewusst bewerten und Trinkflaschen nicht teilen.
Kranke Trainingspartner dürfen krank sein: Wer Symptome eines Infekts hat, schützt mit einer Pause nicht nur sich selbst, sondern auch die Trainingsgruppe.
Supplemente realistisch betrachten: Probiotika und Catechine haben interessante Daten; Vitamin C, Vitamin D und Zink sind dagegen deutlich weniger einfache Erkältungsschutzmittel, als Werbung häufig suggeriert.
Impfstatus prüfen: insbesondere bei Alter, Vorerkrankungen oder anderen Risikofaktoren die aktuellen STIKO-Empfehlungen beachten.
Das Immunsystem braucht keinen Trick
Die vielleicht wichtigste Erkenntnis der aktuellen Forschung ist deshalb eine ziemlich unspektakuläre.
Es gibt bislang keinen einzelnen Ernährungsstoff, kein Supplement und keine Trainingsmethode, die Sportlerinnen und Sportler zuverlässig vor Erkältungen schützt.
Dafür gibt es mehrere Faktoren, die sich beeinflussen lassen.
Genug schlafen. Genug essen. Trainingsstress und Lebensstress zusammen betrachten. Krankheitserregern nicht unnötig Gelegenheiten zur Übertragung geben. Nährstoffmängel vermeiden. Und Supplements nicht mit einer Versicherung gegen Viren verwechseln.
Das klingt weniger spektakulär als ein „Immunbooster“.
Aber vielleicht liegt genau darin die wichtigste Botschaft für den kommenden Winter:
Gesundheit entsteht im Sport selten durch die eine perfekte Entscheidung. Sondern dadurch, dass viele vernünftige Entscheidungen über Monate zusammenkommen.
Und genau diese Monate entscheiden am Ende darüber, wie viel Training vom Herbst bis zum Frühjahr tatsächlich stattfinden kann.


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