Heute geht es um das Thema Kinesio-Taping – eine Methode, die in Sport, Physiotherapie und im Alltag mittlerweile weit verbreitet ist.
Kinesio-Taping wurde bereits in den 1970er Jahren von dem japanischen Chiropraktiker und Kinesiologen Dr. Kenzo Kase entwickelt. Das Konzept ist also bereits über 50 Jahre alt. Kases Ziel war es, eine Tape-Technik zu schaffen, die den Muskel unterstützend beeinflusst, ohne die Bewegungsfreiheit einzuschränken. Anfangs waren die Bänder noch einheitlich weiß, seit den 1990er Jahren findest du sie allerdings in meist Rot- und Blautönen. Das hat einen besonderen Zweck, zu dem ich später noch komme.
Das Prinzip hinter der KT-Methode ist schnell erklärt.
Ein elastisches und dehnbares Klebeband ähnelt der Haut in seiner Dehnfähigkeit. Dadurch soll es eine sanfte Reizung der Haut und der darunter liegenden Gewebe verursachen.
Die Anbringung erfolgt in spezifischen Richtungen und mit unterschiedlicher Zugtechnik, je nachdem, wofür das Tape eingesetzt wird. Das kann Schmerzreduktion, Entzündung, Muskelaktivierung oder auch Lymphabfluss sein.
Die Hauptidee ist die Unterstützung der Muskelarbeit, Reduktion von Schwellungen, Förderung der Durchblutung, Linderung von Schmerzen durch punktuelle sensorische Reize.
Typische Anwendungsbereiche für Kinesio-Tapes sind akute Verletzungen, wie Prellungen und Zerrungen, Muskelschmerzen und Muskelverspannungen, Lymphödeme und Ödeme nach Verletzungen, eine prophylaktische Nutzung bei Belastungssportarten und die Unterstützung in der Rehabilitation.
Aber wie genau funktioniert Kinesio-Taping aus Sicht der Theorie? Mechanismen, die oft beschrieben werden, sind zu allererst Hautreize und Propriozeption. Bedeutet: Das Tape stimuliert Hautsensoren und beeinflusst den Schmerzsignalweg, was zu einer modulierenden Schmerzwahrnehmung führen soll.
An zweiter Stelle stehen biomechanische Effekte: Durch Zug wird angenommen, dass das Tape den subkutanen Raum minimal beeinflusst und so Muskel- und Gelenkbewegungen unterstützt werden, ohne die Bewegungsfreiheit zu stark zu verhindern.
Ein dritter Effekt ist die Lymph- und Durchblutungsförderung: Das Anheben der Haut soll den Lymphabfluss verbessern und lokale Durchblutung unterstützen, was zu einer schnelleren Genesung führen soll.
Als vierter und letzter Punkt kommt jetzt die Farbe der Bänder ins Spiel. Blau und Rot sind die dominierenden Farben und an der Stelle fängt es an etwas schwurbelig zu werden. Die Farbidee sagt, dass die unterschiedlichen Farben das Sonnenlicht unterschiedlich aufnehmen bzw. reflektieren. Dadurch käme es bei roten Bändern zu einem wärmenden Effekt, bei blauen Bändern zu einem kühlenden Effekt und bei gelben Bändern wäre eine entspannende Wirkung zu erwarten. Lass es mich kurz zusammenfassen: Das ist Fantasie-Medizin. Die Bändern trägt man ja zudem in der Regel unter der Kleidung, wo gar kein Sonnenlicht hinkommt. Die heutigen Farben wie auch Pink oder Lila sind wohl eher der Mode geschuldet und haben keinerlei direkte Auswirkung. Manche Hersteller kennzeichnen ihre Bänder in Sachen Dehnbarkeit mit unterschiedlichen Farben, was wiederrum sinnvoll ist.
Wie sieht das dann in der praktischen Anwendung aus? Du hast sicherlich schon einmal Menschen mit diesen unterschiedlich bunten Klebebändern auf der Haut gesehen, wenn sie beim Physiotherapeuten aus der Praxis kommen oder bei Sportlern.
Bei Entzündung oder Ödemen bringt man die KTs meist mit einem Längenzug von ca. 10–15%, bei Muskelunterstützung oft mit mehr Zug in spezifischen Mustern an. Das heißt, das Tape wird beim Aufkleben gezogen und übt beim fertigen Anbringen eine Zugspannung auf das darunter liegende Hautgewebe.
Wichtig dabei ist die Hautneutralität: Die Haut sollte frei atmen können; dazu muss das Tape auf sauberen, trockenen Hautflächen angebracht werden.
Klingt bis hier soweit alles logisch und nachvollziehbar. Aber was sagen die wissenschaftlichen Studien zum Thema Kinesio-Taping?
Es gibt zwar in dem Bereich eine Fülle von Studien, diese sind jedoch wissenschaftlich sehr umstritten, da sie immer nur spezielle Anwendungsbereiche untersucht haben, nur mit sehr kleinen Teilnehmendenzahlen aufwarten und auch sonst wissenschaftlich nicht sauber durchgeführt wurden. Übersichts- und Metastudien haben versucht all diese Einzelstudien zusammenzufassen und auszuwerten, was anhand der großen Unterschiede nahezu unmöglich ist.
Für einige Indikationen gibt es tatsächlich Hinweise auf eine kurzfristige schmerzlindernde Wirkung, aber oft sind die Effekte klein und nicht immer klinisch relevant.
Viele Studien weisen zudem Methodikprobleme auf: kleine Stichproben, unscharfe Kontrollbedingungen, subjektive Outcome-Messungen, fehlende Placebo-Kontrollen.
Letztere sind im Grunde auch gar nicht wissenschaftlich durchführbar, denn der Patient und die Patientin merken ja, wenn ein Tape an einer völlig anderen Stelle angebracht wird, und die durchführenden Mediziner und Medizinerinnen wissen das dann genauso. Punkte, die eine Placebo-Gruppe also völlig aushebeln würden.
In einigen Fällen berichten Probanden tatsächlich über weniger Schmerz während oder nach dem Tape-Anlegen, jedoch teils mit sehr kurzer Dauer.
Bei einigen Studien wurden geringfügige Verbesserungen in Beweglichkeit oder Funktion beobachtet, oft besser, wenn Tape zusätzlich zu anderem Training eingesetzt wird. Da muss man sich dann fragen, was von beidem geholfen hat oder ob der Erfolg auch ohne Tapen aufgetreten wäre?
Man sieht, die Belege sind ziemlich inkonsistent; manche Studien finden geringe Effekte auf Ödeme, andere nicht. Langfristige Effekte konnte keine der Studien bislang belegen. Ob Kinesio-Taping bessere Ergebnisse liefert als andere Therapien, wie eine physikalische Therapie, Übungen, Kompression oder Ruhe bleibt offen.
Placebo- und Erwartungseffekte spielen vermutlich ebenfalls eine große Rolle, denn das Tragen eines Tapes kann durch Erwartungen den Heilungsprozess durchaus beeinflussen.
Man muss Kinesio-Taping also durchaus kritisch betrachten, zumal in Deutschland diese Technik von den Krankenkassen nicht übernommen wird. Bislang gibt es bei der Durchführung auch keine einheitliche Standardisierung. Unterschiedliche Anlegemuster, Hauttypen, Hautempfindlichkeiten und Anwendungszeiten erschweren die Vergleichbarkeit.
Wenn man dennoch Kinesio-Taping ausprobieren möchte, dann sollte man einige Dinge vorher wissen und beachten.
Bei den Klebstoffen der Bänder berichten Nutzerinnen und Nutzer immer wieder von Hautreizungen, ähnlich wie es bei klassischen Pflastern oder auch manchen Verbänden vorkommen kann. Solltest du während des Tragens solcher Bänder eine Verschlechterung des Zustands feststellen, sind die Kinesio-Tapes sofort zu entfernen. Falscher Blutfluss durch zu viel Spannung kann nämlich den gegenteiligen Effekt verursachen, den du eigentlich erreichen möchtest. Auch wenn du nach 48 Stunden keine Wirkung feststellen kannst, solltest du die Bänder wieder abnehmen, denn dann ist auch keine Wirkung mehr zu erwarten, so sagen Profis.
Wenn man die Bänder präventiv zur Unterstützung beim Sport tragen möchte, dann sollte man sich vorher ruhig von einem erfahrenen Sportmediziner dazu beraten und vor allem die Bänder von jemand anderem anlegen. Beim Selberkleben treten häufig Probleme auf, weil man die Stellen am eigenen Körper nur schwer erreicht und die Bänder dann nicht korrekt angelegt werden können.
Nicht alles was täglich auch in medizinischen Praxen durchgeführt wird ist wissenschaftlich fundiert oder passt für jeden. Manches ist durch Studien belegt, anderes wiederum im Bereich des Placebo-Effekts anzusiedeln oder einfach nur Unfug.
(Autor: Trainer Achim Happel / ausschlaggebend.com)



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