Backyard Ultra: Wie Läufer 100 Stunden und 670 Kilometer durchhalten

Backyard Ultra: Wie Läufer 100 Stunden und 670 Kilometer durchhalten
Obrázek: © SPOFERAN Redaktion | Symbolbild (KI-generiert)

Backyard Ultra: Wie Läufer 100 Stunden und 670 Kilometer durchhalten

4. listopad 202611 minutes Doba čtení

100 Stunden, 670 Kilometer und kaum Schlaf: Wie schaffen Menschen einen Backyard Ultra? Wissenschaft, Rekorde und Deutschlands beste Läufer im Porträt.

Hendrik Boury lief 100 Runden und 670,6 Kilometer. Ayyoub El Osrouti kam auf 93 Stunden, Caroline Maria Bolte stellte bei ihrem ersten Backyard Ultra einen deutschen Rekord auf. Doch wie kann ein Mensch über Tage immer wieder laufen? Ein Blick auf die besten deutschen Backyard-Athletinnen und -Athleten – und auf das, was Wissenschaft über Schlafentzug, Ernährung, Muskelermüdung und die Macht der nächsten Runde weiß.

Irgendwann am dritten oder vierten Tag verschiebt sich die Vorstellung davon, was normal ist.

Eine Pace, die an einem gewöhnlichen Trainingstag kaum der Rede wert wäre, fühlt sich plötzlich schnell an. Essen wird nicht mehr zur Mahlzeit, sondern zur Aufgabe. Schlaf findet, wenn überhaupt, in Minuten statt. Die Crew übernimmt Entscheidungen, weil selbst Denken irgendwann Kraft kostet.

Und trotzdem ertönt zur nächsten vollen Stunde wieder das Signal. Noch einmal aufstehen. Noch einmal 6,706 Kilometer. Beim Big's Backyard Ultra 2025 in Tennessee machte Hendrik Boury genau das 100-mal. 100 Runden. 100 Stunden. 670,6 Kilometer. Deutscher Rekord. In einer Phase des Rennens blieben ihm nach Angaben aus seinem Umfeld pro Stunde teilweise nur noch drei oder vier Minuten, um sich zu versorgen und auf die nächste Runde vorzubereiten. Später berichtete Boury von Erinnerungslücken und davon, beim Laufen beinahe eingeschlafen zu sein.

Und selbst das ist inzwischen nicht mehr die äußerste Grenze des Sports. Bei der Backyard Ultra World Team Championship im Oktober 2026 liefen die Belgier Merijn Geerts und Ivo Steyaert 124 Runden. Rund 831 Kilometer in 124 Stunden. Mehr als fünf Tage nach dem ersten Start entschieden beide, zur nächsten Runde nicht mehr anzutreten.

Die naheliegende Frage lautet deshalb nicht mehr nur: Wie weit können Menschen laufen?

Sondern: Wie schaffen sie es überhaupt, so lange weiterzumachen?

Ein Rennen, das den Körper austrickst – und gleichzeitig gnadenlos offenlegt

Das Regelwerk des Backyard Ultra wirkt zunächst beinahe harmlos.

Eine Runde misst 6,706 Kilometer beziehungsweise 4,167 Meilen. Sie muss innerhalb einer Stunde absolviert werden. Zur nächsten vollen Stunde starten alle noch verbliebenen Läuferinnen und Läufer erneut. Wer zu spät zurückkommt oder nicht rechtzeitig wieder an der Startlinie steht, ist ausgeschieden.

Wer früher zurückkommt, darf die restliche Zeit essen, trinken, die Kleidung wechseln, sich behandeln lassen – oder schlafen. 24 Runden ergeben auf diese Weise ziemlich genau 100 Meilen beziehungsweise rund 161 Kilometer. Danach beginnt Stunde 25 nach exakt demselben Prinzip. Es gibt keine vorher festgelegte Distanz und keine Ziellinie, auf die man sich emotional zubewegen könnte.

Genau darin liegt eine Besonderheit des Formats. Ein Backyard Ultra verlangt nicht, 670 Kilometer ohne Pause durchzulaufen. Hendrik Boury war bei seinem Rekord nicht 100 Stunden ununterbrochen in Bewegung. Caroline Maria Bolte kam bei ihren 52 Runden beim Last Soul Ultra beispielsweise auf gut 41 Stunden tatsächliche Bewegungszeit. Zwischen ihren Runden blieben ihr im Durchschnitt etwa zwölfeinhalb Minuten Pause. Insgesamt lief sie dennoch 348,7 Kilometer und war länger als zwei Tage im Wettbewerb.

Das klingt wie eine Erleichterung. Über mehrere Tage wird daraus jedoch ein Problem. Denn mit jeder Runde beginnt ein mathematischer Tauschhandel: Wie schnell laufe ich, und wie viel Erholung kaufe ich mir damit?

Wer langsam läuft, schont möglicherweise Muskulatur und Stoffwechsel, hat anschließend aber kaum Zeit zum Essen, Umziehen oder Schlafen. Wer schneller läuft, gewinnt Pause – belastet seinen Körper dafür während der Runde stärker.

Das optimale Tempo liegt irgendwo dazwischen. Und dieses Optimum kann sich nach 40, 60 oder 90 Stunden komplett verändern.

Der wahrscheinlich wichtigste Faktor: Nicht zu schnell sein

Ayyoub El Osrouti kennt diese Rechnung inzwischen ziemlich gut. Beim Last Soul Ultra 2026 lief er 93 Runden und 623,7 Kilometer. Nur der US-Amerikaner Mark Dowdle blieb länger im Rennen. Damit erzielte El Osrouti die zweitbeste bekannte Backyard-Leistung eines deutschen Läufers – hinter Bourys 100 Runden.

Nach dem Rennen sagte El Osrouti im SPORT1-Interview, eine seiner wichtigsten Erkenntnisse sei ausgerechnet, die Runden nicht zu schnell anzugehen. Zu hohes Tempo könne den Körper über viele Stunden regelrecht zerlegen. Seine mentale Strategie besteht gleichzeitig darin, sich keine Marke von 100 oder 200 Runden vorzunehmen. Entscheidend sei immer nur die nächste Runde.

Das klingt beinahe banal. Die Forschung stützt das Grundprinzip jedoch. Eine 2026 veröffentlichte Übersichtsarbeit zum 24-Stunden-Lauf beschreibt Pacing neben Training und Ernährung als einen der entscheidenden Leistungsfaktoren. Besonders erfolgreiche Läuferinnen und Läufer zeigen tendenziell eine gleichmäßigere Belastungsverteilung und geringere Geschwindigkeitsschwankungen.

Der Backyard Ultra treibt dieses Prinzip auf die Spitze. Bei der Team-WM 2026 lief Martin Stiller 69 Runden und damit 462,7 Kilometer. Seine schnellste Runde kam ganz am Anfang mit 38:53 Minuten. Seine langsamste erst in Runde 64 – nach mehr als zweieinhalb Tagen – mit 52:48 Minuten. Selbst Runde 69 absolvierte er noch in 49:35 Minuten.

Das Beeindruckende daran ist weniger eine einzelne schnelle Zeit. Es ist die Fähigkeit, nach Hunderten Kilometern noch immer berechenbar zu laufen.

Die deutsche Spitze ist inzwischen erstaunlich tief

Noch vor wenigen Jahren wäre eine deutsche Backyard-Leistung jenseits von 60 oder 70 Runden außergewöhnlich gewesen. Heute ist die Spitze deutlich breiter.

  • Hendrik Bourys 100 Runden aus dem Jahr 2025 bleiben der deutsche Rekord.

  • Dahinter folgt seit dem Last Soul Ultra 2026 Ayyoub El Osrouti mit 93 Runden.

  • Norman Mascher-Aspensjö kam dort auf 80 Runden beziehungsweise 536,5 Kilometer.

  • Martin Stiller steigerte sich wenige Wochen später bei der Team-WM auf 69 Runden.

  • Niko Langner lief dort 68 Runden, nachdem er im Sommer den O-SEE Backyard Ultra mit 61 Runden gewonnen hatte.

Und dann ist da Caroline Maria Bolte. Bei ihrem ersten Backyard Ultra überhaupt absolvierte sie im August 52 Runden. 348,7 Kilometer. Mehr als acht Marathondistanzen. Damit übertraf sie die bisherige deutsche Frauenbestmarke von Marina Kollassa, die 2020 auf 51 Runden gekommen war.

Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Distanz. Bolte beschrieb anschließend selbst, dass sie vor dem Rennen nicht wusste, wie ihr Körper auf zwei Nächte mit kaum Schlaf reagieren, ob ihr Magen funktionieren oder wie sich die 20., 30. oder 40. Wiederholung anfühlen würde. Ihre Vorbereitung bestand deshalb auch aus Ausprobieren, Simulieren und dem Lernen von erfahreneren Backyard-Läufern.

Zwei Monate später hätte sie sich aufgrund ihrer Leistung für die Team-WM qualifiziert.

Bolte verzichtete. Ihre Begründung zeigt eine Seite des Sports, die bei Rekordzahlen leicht verloren geht: Zwei derartige Belastungen innerhalb kurzer Zeit seien für den Körper enorm, und mit ihrer noch geringen Backyard-Erfahrung könne sie die Folgen nicht gut genug einschätzen.

Auch das gehört zu der Frage, wie Menschen solche Leistungen schaffen. Manchmal besteht Ausdauer darin, nicht die nächste Runde zu starten.

Was passiert nach zwei oder drei Nächten ohne normalen Schlaf?

Hier wird der Backyard Ultra endgültig zu mehr als einem Laufwettbewerb. Am 28. Oktober 2026 erschien ein neuer systematischer Review zur Rolle von Schlaf bei Ultramarathons. Die Forschenden werteten neun Studien mit insgesamt 2.262 Teilnehmerinnen und Teilnehmern aus.

Ihr Ergebnis:

  • Schlafmangel war insgesamt mit schlechterer körperlicher und kognitiver Leistungsfähigkeit verbunden.

  • Mit zunehmender Renndauer verschlechterten sich unter anderem Reaktionsfähigkeit, Aufmerksamkeit und Wachsamkeit.

Eine weitere Untersuchung mit 1.154 Ultramarathon-Finishern zeigte, wie ungewöhnlich Schlaf in solchen Wettbewerben wird:

  • 77 Prozent gaben an, während des Rennens zumindest kurz geschlafen zu haben.

  • Die meisten Nickerchen dauerten weniger als 30 Minuten.

  • Gleichzeitig berichteten 80 Prozent von mindestens einem Symptom, das sie dem Schlafentzug zuschrieben – darunter auch Halluzinationen und Stürze.

Hendrik Boury kennt diesen Zustand aus eigener Erfahrung. Schon vor seinem deutschen Rekord sprach er über extreme Halluzinationen während einer dritten Nacht. Bei seinem 100-Runden-Rennen berichtete er später von einer Phase, in der ihm für mehrere Minuten die bewusste Erinnerung daran fehlte, was er gerade getan hatte.

Der entscheidende Punkt lautet deshalb: Die besten Backyard-Läuferinnen und -Läufer besitzen nicht irgendeine geheimnisvolle Fähigkeit, Schlaf beliebig abzuschalten. Auch ihr Gehirn leidet unter Schlafentzug.

Sie sind lediglich in der Lage, ihre Leistungsfähigkeit trotz dieser Einschränkungen erstaunlich lange auf einem Niveau zu halten, das für die nächste Runde noch ausreicht.

Schlafen oder laufen? Das ungewöhnliche Dilemma

In einem normalen Rennen ist Schlaf ganz einfach verlorene Zeit. Beim Backyard Ultra ist das komplizierter. Wer eine Runde beispielsweise nach 45 Minuten beendet, besitzt theoretisch 15 Minuten bis zum nächsten Start. Davon gehen Essen, Trinken, Toilettengang, Schuhwechsel oder medizinische Versorgung ab. Für echten Schlaf bleibt häufig nur ein sehr kleines Zeitfenster.

Gleichzeitig kann Schlaf die kognitive Leistungsfähigkeit stabilisieren. Die aktuelle Forschung deutet darauf hin, dass gute Schlafqualität und mehr Schlaf vor einem Ultramarathon mit besseren Leistungs- beziehungsweise kognitiven Ergebnissen verbunden sein können. Kurze Nickerchen während des Rennens können ebenfalls helfen. Die Autoren betonen allerdings ausdrücklich, dass viele Daten beobachtend sind und keine einfache Kausalität beweisen.

Hinzu kommt ein statistisches Paradox: Menschen, die während eines Ultras viel schlafen, haben häufig langsamere Gesamtzeiten. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass Schlaf sie schlechter macht. Wer länger unterwegs ist und stärker ermüdet, benötigt schlicht eher Schlaf – und jede Minute Schlaf erhöht bei klassischen Rennen zusätzlich die Gesamtzeit.

Irgendwann werden nicht Herz und Lunge zum größten Problem

Wer 6,7 Kilometer pro Stunde betrachtet, könnte vermuten, dass die kardiovaskuläre Belastung für gut trainierte Ultraläufer vergleichsweise gering ist. Das greift aber zu kurz. Bei extrem langen Läufen verschiebt sich die entscheidende Belastung nämlich zunehmend weg von klassischer Geschwindigkeit oder maximaler Sauerstoffaufnahme.

Eine wissenschaftliche Übersichtsarbeit zur Ultramarathon-Leistung bezeichnet Muskelschäden und die daraus entstehende Ermüdung als einen der wahrscheinlich wichtigsten leistungsbegrenzenden Faktoren langer Ultras. Nicht unbedingt das Herz-Kreislauf-System entscheidet irgendwann über das Weiterlaufen, sondern die Frage, ob Muskeln, Sehnen, Füße und Bewegungsapparat noch Stunde für Stunde dieselbe Aufgabe bewältigen können.

Genau das erklärt einen Teil der Backyard-Logik. Jede unnötig harte Runde produziert Belastung, deren Rechnung womöglich erst 20 Stunden später fällig wird.

Ayyoub El Osrouti trainierte vor seinem Rennen nach eigener Aussage zeitweise zwischen 160 und 200 Kilometer pro Woche und ergänzte sein Lauftraining durch Krafttraining. Außerdem absolvierte er im Vorfeld längere Simulationen von 15 und 24 Stunden. Das ist die individuelle Vorbereitung eines Spitzenathleten und keine allgemeine Trainingsempfehlung – zeigt aber, worauf der Körper vorbereitet werden muss: weniger auf einen einzelnen heroischen Kraftakt als auf stundenlange mechanische Wiederholung.

Essen wird Teil des Wettkampfs

Mehrere Tage laufen bedeutet gleichzeitig mehrere Tage Energie verbrauchen. Der Körper besitzt zwar Fettreserven, die bei niedriger Intensität einen erheblichen Anteil der Energieversorgung übernehmen können. Kohlenhydrate bleiben für die Leistungsfähigkeit trotzdem wichtig. Gleichzeitig wird es mit zunehmender Dauer schwieriger, ausreichend Energie aufzunehmen.

Eine Positionserklärung der International Society of Sports Nutrition empfiehlt für klassische Single-Stage-Ultramarathons als groben wissenschaftlichen Rahmen unter anderem 150 bis 400 Kilokalorien pro Stunde sowie 30 bis 50 Gramm Kohlenhydrate pro Stunde. Auch Flüssigkeit und Elektrolyte müssen individuell an Wetter, Schweißrate und Belastung angepasst werden. Diese Empfehlungen wurden nicht speziell für Backyard Ultras entwickelt, zeigen aber die Größenordnung des Problems.

Denn ein Mensch, der drei oder vier Tage im Wettbewerb bleibt, muss nicht nur laufen können. Er muss vor allem auch über mehrere Tage essen können. Und genau das gelingt längst nicht immer.

Eine aktuelle Übersichtsarbeit zum 24-Stunden-Lauf berichtet, dass ungefähr zwei Drittel der untersuchten Läuferinnen und Läufer mit Magen-Darm-Beschwerden zu kämpfen hatten. Übelkeit, Völlegefühl, Bauchschmerzen oder Durchfall gehören zu den bekannten Problemen extrem langer Belastungen. Das erklärt, warum ein perfekter Ernährungsplan auf Papier keine Garantie ist.

El Osrouti formulierte es nach seinen 93 Runden selbst: Eine Strategie könne in einem Rennen hervorragend funktionieren und beim nächsten plötzlich Magenprobleme verursachen. Backyard bleibt unberechenbar.

Der Körper gerät tatsächlich unter enormen Stress

Es wäre deshalb falsch, Leistungen über 300, 500 oder 600 Kilometer romantisch als bloße Frage von Willenskraft darzustellen.

24-Stunden-Ultramarathons führen nach wissenschaftlichen Untersuchungen unter anderem zu erheblichen Veränderungen bei Muskel-, Entzündungs- und Nierenmarkern. Eine 2026 veröffentlichte Übersichtsarbeit beschreibt vorübergehende Einschränkungen der Nierenfunktion und starke metabolische sowie mechanische Belastungen. Bei gesunden, gut trainierten Athletinnen und Athleten normalisieren sich viele dieser Veränderungen wieder – trotzdem ist die akute Belastung real. Und Backyard-Rennen können nicht 24, sondern 50, 90 oder inzwischen mehr als 120 Stunden dauern.

Direkte wissenschaftliche Untersuchungen speziell zu solchen extrem langen Backyards sind bislang deutlich seltener als Studien zu klassischen Ultramarathons. Deshalb lassen sich Ergebnisse aus 24-Stunden- und anderen Ultraformaten nicht eins zu eins übertragen.

Sie zeigen jedoch, warum es irreführend wäre zu behaupten, der menschliche Körper „gewöhne sich“ einfach an solche Distanzen. Er wird belastet. Die Leistung besteht darin, Belastung, Ernährung, Tempo, Schlaf, Schmerz und Regeneration so zu organisieren, dass das System noch eine weitere Stunde funktioniert.

Vielleicht ist genau deshalb die Crew so entscheidend

Nach zwei oder drei Tagen verändert sich nicht nur der Körper. Auch kleine Entscheidungen werden anstrengend.

  • Was esse ich?

  • Welche Schuhe ziehe ich an?

  • Muss ich das Tempo ändern?

  • Brauche ich Schlaf?

  • Ist ein Schmerz gefährlich oder nur unangenehm?

Boury hat mehrfach beschrieben, wie wichtig seine Crew dabei wird. Bei extremen Backyard-Rennen übernimmt sie Verpflegung, Versorgung, Strategie – und irgendwann teilweise auch Entscheidungen, damit der Läufer seine begrenzte mentale Energie auf eine einzige Aufgabe konzentrieren kann.

Das ist womöglich einer der unterschätztesten Unterschiede zwischen einem sehr guten Ultraläufer und einem sehr guten Backyard-Athleten. Es reicht nicht, lange laufen zu können. Man braucht ein System inkl. Crew, das auch dann noch funktioniert, wenn man selbst gar nicht mehr optimal denken kann.

Und dann kommt die vielleicht stärkste Waffe: Die nächste Runde

100 Stunden sind psychologisch kaum fassbar. 670 Kilometer ebenso wenig. Doch 6,706 Kilometer? Die gehen noch. Genau hier liegt möglicherweise das größte Geheimnis des Backyard Ultra.

Die eigentlich gigantische Aufgabe wird vom Regelwerk konsequent zerlegt. Niemand muss an Runde 80 denken, während Runde 17 beginnt. Niemand muss morgens wissen, ob er in der kommenden Nacht noch laufen wird. Es zählt nur, zum nächsten Start zurückzukommen.

Die sportwissenschaftliche Literatur zu Ultra-Endurance-Leistungen misst psychologischen Strategien und konkreter Zielsetzung eine wichtige Rolle bei. Wahrgenommene Anstrengung, Selbstwirksamkeit und die Fähigkeit, komplexe Situationen mental zu bewältigen, beeinflussen, ob Athletinnen und Athleten eine Belastung fortsetzen können.

El Osrouti beschreibt praktisch genau dasselbe Prinzip. Nicht 100 Runden. Nicht 600 Kilometer. Runde für Runde. Vielleicht ist das der Grund, warum ein Backyard Ultra gleichzeitig so brutal und so faszinierend wirkt. Das Regelwerk macht das Unvorstellbare klein genug, um es noch einmal zu versuchen.

100 Runden sind nicht „nur Kopfsache“

Dabei wäre es ebenso falsch, die Leistungen der Spitzenathleten mit einem motivierenden Kalenderspruch zu erklären.

  • Hendrik Boury läuft keine 670 Kilometer, weil er einfach stärker an sich glaubt als andere Menschen.

  • Ayyoub El Osrouti kommt nicht auf 623 Kilometer, weil er das Aufgeben abgeschafft hat.

  • Caroline Maria Bolte läuft nicht 52 Stunden, weil Schmerzen für sie keine Rolle spielen.

Hinter solchen Leistungen stehen jahrelanges Ausdauertraining, hohe Belastungsverträglichkeit, konsequentes Pacing, Ernährung, Erfahrung, Crew-Arbeit, psychologische Strategien – und eine außergewöhnliche individuelle Fähigkeit, mit Schlafmangel, Muskelschäden und sich ständig verändernden Problemen umzugehen. Und trotzdem gibt es keinen Plan, der garantiert, dass es funktioniert.

Beim Last Soul Ultra 2026 war Hendrik Boury mit seinem deutschen Rekord von 100 Runden einer der prominentesten Läufer im Feld. Sein Rennen endete aber nach 68 Runden. Harvey Lewis, mehrfacher Weltklasse-Backyard-Athlet mit einer persönlichen Bestleistung jenseits der 100 Runden, kam dort "nur" auf 46. Gleichzeitig stellte Caroline Bolte bei ihrem ersten Versuch den deutschen Frauenrekord auf.

Das ist vielleicht die ehrlichste Antwort auf die Ausgangsfrage.

Wie können Menschen fünf Tage lang immer weiterlaufen?

Nicht, indem sie fünf Tage als eine einzige Aufgabe betrachten. Sondern indem sie ihren Körper jahrelang darauf vorbereiten, Belastung zu tolerieren. Indem sie so langsam laufen, dass noch etwas übrigbleibt. Indem sie essen, bevor der Hunger entscheidet. Indem sie jede Minute Pause nutzen. Indem eine Crew Aufgaben übernimmt, wenn das Gehirn müde wird. Indem sie akzeptieren, dass Müdigkeit, Schmerzen und Zweifel kommen werden.

Und indem aus 670 Kilometern immer wieder nur 6,706 Kilometer werden. Bis irgendwann selbst diese eine Runde nicht mehr geht. Dann endet ein Backyard Ultra. Nicht an einer Ziellinie. Sondern an der Grenze zwischen noch einmal und nicht mehr.

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