Am Sonntag, dem 19. April, verwandelt sich Wien für die 43. Auflage des Vienna City Marathon in eine Laufstrecke durch die Innenstadt. 49.000 Anmeldungen bedeuten einen neuen Rekord für Österreichs größtes Laufsportfest. Das Elitefeld verspricht packende Rennen in beiden Wettbewerben, mit reellen Chancen auf neue Streckenrekorde.
Die Favoriten der Männer: Kibroms zweiter Anlauf
Der klare Favorit im Männerrennen ist Oqbe Kibrom. Der 28-jährige Eritreer kennt Wien bereits gut, und er weiß, was ihn hier erwartet. Vor vier Jahren führte er das Rennen bei Kilometer 30 klar an, doch der Kenianer Cosmas Muteti überholte ihn noch, Kibrom lief als Dritter in 2:07:25 ins Ziel. Die Erinnerung sitzt tief. „Ich bin nach Wien zurückgekommen, um bei meinem zweiten Versuch zu gewinnen. Ich bin zu schnell angegangen und habe dafür bezahlt. Bei Kilometer 38 war ich erledigt", sagt Kibrom.
Seitdem hat er sich deutlich weiterentwickelt. Seine Bestzeit von 2:05:37, gelaufen in Berlin 2024, führt die Startliste an. Dreimal lief er bereits unter der 2:06-Stunden-Marke. Sein Ziel in Wien ist nicht nur der Sieg, sondern auch die Uhr: Die Marke unter 2:05 Stunden ist das erklärte Ziel, die erste Hälfte will er in 62:10 bis 62:20 angehen. Ein Athletenprofil ohne Marathonsieg trotz dieser Bilanz ist eine Kuriosität, die er am Sonntag beenden will.
Die Herausforderung ist real. Tafese Delegen (Äthiopien, PB 2:06:11) und die Kenianer Stanley Kurgat (PB 2:07:05) und Albert Kangogo (PB 2:07:26) bilden die zweite Verfolgungsgruppe. Kurgat, der vergangenes Jahr in Wien wegen Lungenproblemen in der Kälte aufgeben musste, setzt auf eine erste Hälfte in 62:40 bis 62:50 und will damit seine Bestzeit verbessern. Kangogo hingegen kennt die Strecke von seiner Podiumsplatzierung 2024, als er Dritter wurde.
Für Schlagzeilen im österreichischen Lager sorgt Aaron Gruen. Der 27-Jährige ist seit Juni 2024 für Österreich startberechtigt, lebt in Boston und studiert seit Herbst 2025 an der Harvard Medical School. Seine Geschichte ist außergewöhnlich: Er ist als Sohn eines US-Amerikaners und einer Deutschen in München geboren, entdeckte das ambitionierte Laufen erst 2021 während eines Cello-Studiums in Prag, und erhielt die österreichische Staatsbürgerschaft als Nachfahre vertriebener Juden. Sportlich hat er Wien klare Referenzpunkte mitgebracht: Mit 2:09:53 Stunden hält er den österreichischen Marathonrekord und brach im Jänner 2026 auch den ÖLV-Halbmarathonrekord, den zuvor über 18 Jahre lang Günther Weidlinger gehalten hatte. Als Generalprobe lief er Ende März beim „Project 13.1" in New York in 1:02:03 auf Platz zwei.
Nicht vergessen sollte man Mica Cheserek, Zweiter beim VCM 2025, der in Wien nach dem Sieg greift. „Der Sieger vom letzten Jahr ist nicht da, also will ich diesmal gewinnen. Mein Ziel ist eine Zeit zwischen 2:07 und 2:08", sagt der Kenianer direkt. Ebenfalls mit Wien-Erfahrung antritt Mogos Tuemay (Äthiopien), der 2025 Dritter wurde und zuletzt beim Barcelona Marathon als Tempomacher seiner Landsfrau Fotyen Tesfay geholfen hat, die zweitschnellste Marathonzeit der Geschichte zu erzielen.
Die Favoriten der Frauen: Streckenrekord in Reichweite
Beim Frauenrennen gibt es gleich drei Athletinnen, die realistisch unter den Streckenrekord von 2:20:59 Stunden laufen könnten. Laut Veranstalter stehen die Chancen gut, dass heuer erstmals eine Zeit unter 2:20 Stunden auf österreichischem Boden gelaufen wird.
Haftamnesh Tesfaye führt die Startliste mit einer Bestzeit von 2:20:13 an, schneller als der aktuelle Streckenrekord. Die 31-jährige Äthiopierin war nach ihrer Bestzeit in Dubai 2018 lange verletzt, wurde dann Mutter und kehrte erst 2025 mit einem Halbmarathonsieg in Trento zurück. Was ihre aktuelle Form genau wert ist, bleibt schwer einzuschätzen, denn größere Rennen seit ihrem Comeback fehlen. Dazu kommt eine bemerkenswerte Familiengeschichte: Ihre drei Jahre jüngere Schwester Fotyen Tesfay sorgte im März beim Barcelona Marathon mit 2:10:51 für das zweitschnellste Marathondebüt der Geschichte überhaupt.
Tigist Gezahagn (Äthiopien, 26 Jahre) ist die wohl faszinierendste Athletin im Feld. Sie ist zweifache Goldmedaillengewinnerin bei Paralympischen Spielen im 1.500m-Lauf, die erste Äthiopierin überhaupt, die bei Paralympics eine Goldmedaille gewann. Sie ist sehbeeinträchtigt. „Ich habe mich entschieden, den Parasport zu verlassen, weil ich ein normales Leben führen will. Ich kann nur Dinge in unmittelbarer Nähe sehen. In einem Rennen ist die größte Herausforderung, dass ich die Flaschen an den Verpflegungspunkten nicht unterscheiden kann." In Wien übernimmt der Veranstalter den persönlichen Getränkeservice für sie. Sportlich hat sie sich in kurzer Zeit bewiesen: Siege beim Ljubljana Marathon 2025 und beim Doha Marathon im Jänner 2026, wo sie ihre Bestzeit auf 2:21:14 verbesserte.
Betty Chepkemoi kommt als Titelverteidigerin. Die 26-jährige Kenianerin gewann 2025 bei extremer Kälte mit 2:24:14, ihr persönlicher Durchbruch. „Ich denke sehr oft an diesen fantastischen Augenblick, als ich über die Ziellinie gelaufen bin. Verglichen mit letztem Jahr bin ich jetzt in besserer Form", sagt Chepkemoi. Um erneut zu siegen, wird sie sich gegen ein stärkeres Feld als 2025 behaupten müssen.
Lindsay Flanagan (USA, PB 2:23:31) kehrt nach Verletzungspause auf die Marathonstrecke zurück. WM-Teilnehmerin 2023, trainiert von der australischen Marathonlegende Benita Willis, war sie 2025 wegen Hüftproblemen komplett ausgefallen. „Wien hat Geschichte im Laufen geschrieben. Das Datum im April hat mir gut gepasst, deshalb habe ich Wien gewählt. Ich habe schon im Prater trainiert, wo Eliud Kipchoge 1:59 gelaufen ist", sagt die 35-Jährige.
Für das österreichische Frauenfeld steht Eva Wutti im Fokus. Die 37-Jährige aus Wolfsberg ist ausgebildete Juristin, arbeitet Vollzeit für die Stadt Wolfsberg und war einst Profi-Triathletin. Beim VCM ist sie in allen vier bisherigen Starts unter 2:38 Stunden geblieben. Nach einer hartnäckigen Fußverletzung im Herbst 2025 meldet sie sich mit Ambitionen zurück: „Ich freue mich sehr, dass ich wieder in der Form bin, hier im Elitefeld zu starten. Ich hoffe, dass ich schneller laufen kann als im Vorjahr."
Die Favoriten auf einen Blick
Wer startet am Sonntag mit den besten Karten? Hier die Top-Athletinnen und -Athleten mit ihren persönlichen Bestzeiten und der realistischen Zielzeit in Wien:
Männer
Athlet | Nation | Pers. Bestzeit | Zielzeit Wien |
|---|---|---|---|
Oqbe Kibrom | Eritrea | 2:05:37 | unter 2:05:00 |
Tafese Delegen | Äthiopien | 2:06:11 | ca. 2:07–2:08 |
Stanley Kurgat | Kenia | 2:07:05 | Bestzeit / ca. 2:07 |
Albert Kangogo | Kenia | 2:07:26 | ca. 2:07–2:08 |
Charles Mneria | Kenia | 2:08:54 | ca. 2:08–2:09 |
Mica Cheserek | Kenia | 2:10:23* | 2:07–2:08 |
Mogos Tuemay | Äthiopien | 2:10:33 | ca. 2:09–2:10 |
Aaron Gruen | Österreich | 2:09:53 | ca. 2:09–2:10 |
*World-Athletics-anerkannte Bestzeit; beim München Marathon 2023 lief Cheserek 2:09:26, diese Zeit wird von World Athletics nicht anerkannt.
Frauen
Athletin | Nation | Pers. Bestzeit | Zielzeit Wien |
|---|---|---|---|
Haftamnesh Tesfaye | Äthiopien | 2:20:13 | Streckenrekord / unter 2:20:59 |
Tigist Gezahagn | Äthiopien | 2:21:14 | Bestzeit / unter 2:21 |
Lindsay Flanagan | USA | 2:23:31 | ca. 2:23–2:25 |
Betty Chepkemoi | Kenia | 2:24:14 | Bestzeit / unter 2:24 |
Faith Chepkoech | Kenia | 2:26:22 | ca. 2:26–2:28 |
Eva Wutti | Österreich | 2:30:43 | unter 2:37 |
Österreichs Lauf-Ass und ein Paar auf der Startliste
Neben Aaron Gruen und Eva Wutti sorgt noch eine weitere österreichische Geschichte für Aufmerksamkeit. Aaron Gruen und seine Freundin Katie Goldenberg gehen beide am Sonntag an den Start. Goldenberg, 25 Jahre alt und US-Amerikanerin, hat wie Gruen die österreichische Staatsbürgerschaft erworben: Ihr Großvater flüchtete 1939 vor den Nazis aus Wien und emigrierte über die Schweiz in die USA. Im Sport startet sie für die Vereinigten Staaten. Beim VCM 2026 ist es ihr zweiter Marathonstart überhaupt.
Auch Andreas Vojta, der 36-jährige Olympiateilnehmer von 2012 über 1.500m, ist 51-facher österreichischer Staatsmeister und hat sich für Wien mit einem einmonatigen Trainingslager in Kenia vorbereitet, das höchste Wochenpensum seiner Karriere mit durchschnittlich knapp über 200 Kilometern. Als Generalprobe gewann er den Vienna Calling Halbmarathon im März. Ein weiteres österreichisches Debut liefert Lemuela Wutz (DSG Wien), die nach ihrem Marathonsieg in Graz 2025 in Wien eine Zeit unter 2:40 Stunden anpeilt.
Für alle, die das Rennen live verfolgen möchten: Der Vienna City Marathon wird ab 8:30 Uhr live auf ORF 1 übertragen.







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