Wandern
Bild: © SPOFERAN | Symbolbild (KI)

Wandern: Volkssport, Ausdauerdisziplin und Ultrahiking-Phänomen

Wandern ist eine Outdoor-Sportart, bei der Athleten auf Wanderwegen oder in der Natur laufen und dabei ihre Ausdauer, körperliche Fitness und mentale Stärke verbessern und die Natur genießen.

Wandern ist die meistausgeübte Sportart in Deutschland. Laut einer Statista-Umfrage aus dem Jahr 2024 gehen rund 38,67 Millionen Menschen hierzulande zumindest gelegentlich wandern – beim Ranking der beliebtesten sportlichen Aktivitäten 2023 landete Wandern mit etwa 11,2 Prozent häufiger Ausübung auf dem ersten Platz, noch vor dem Fitnessstudio und Joggen.

Was lange als gemächliche Freizeitbeschäftigung galt, hat sich längst zur ernsthaften Ausdauersportart entwickelt – mit wachsender Wettkampfszene, professionellen Events und einem neuen Extrem-Trend: Ultrahiking.

Was ist Wandern – und wo beginnt der Sport?

Der Deutsche Wanderverband definiert Wandern als „eine Freizeitaktivität mit unterschiedlich starker körperlicher Anforderung, die sowohl das mentale wie physische Wohlbefinden fördert". Charakteristisch sind eine Dauer von mehr als einer Stunde, eine entsprechende Planung, die Nutzung spezifischer Infrastruktur sowie angepasste Ausrüstung.

In der Praxis reicht das Spektrum von entspannten Waldwegen bis zu mehrtägigen Fernrouten mit Tausenden Höhenmetern. Unterschieden wird unter anderem zwischen Bergwandern, Weitwandern (auch Trekking oder Fernwandern), Sportwandern, Volkswandern, Winterwandern und Bildungswandern.

Die körperliche Wirkung ist dabei nicht zu unterschätzen: Wandern verbrennt zwischen 350 und 500 Kilokalorien pro Stunde. Je mehr Höhenmeter zurückgelegt werden, desto höher der Kalorienverbrauch. Bei intensiven Bergtouren können es deutlich mehr sein. Dazu kommen die gut belegten Effekte auf Herz-Kreislauf-System, Muskulatur, Immunsystem und mentale Gesundheit – Wandern fördert den Muskelaufbau, stärkt Knochen und Gelenke und ist ein gutes Herz-Kreislauf-Training, das besonders für Menschen geeignet ist, für die andere Sportarten wie Jogging oder Mountainbiking nicht infrage kommen.

Warum wandern Menschen – und was hat sich verändert?

Die Hauptmotive sind laut Wandermonitor „Natur erleben" (96 %), „sich bewegen, aktiv sein" (88 %), „etwas für die Gesundheit tun" (72 %) und „eine Region erleben" (71 %).

Interessant ist die Verschiebung der Motive über die Zeit: Verglichen mit 2015 sind Naturerlebnis und Gesundheit stärker in den Vordergrund gerückt. Auch Stressabbau sowie nach innen gerichtete Motive wie „zu sich selbst finden" haben zugenommen, während Geselligkeit und soziale Aspekte leicht abgenommen haben.

Jüngere Wandernde nutzen die Sportart besonders als Gegenpol zum digitalen Arbeitsalltag. Mehr als jeder dritte Befragte bricht mehrmals im Monat zu einer Wandertour auf, knapp jeder Fünfte sogar einmal wöchentlich.
Die beliebteste Tourenform bleibt die Tageswanderung, die 89 Prozent der Befragten bevorzugen – meist mit 10 bis 15 Kilometern und 500 bis 900 Höhenmetern.

Doch auch wesentlich weitere Distanzen werden immer beliebter, die als Ultrahiking bezeichnet werden.

Was ist Ultrahiking?

Ultrahiking ist die Steigerung des klassischen Wanderns in Distanz und Intensität. Als Ultrahiking, auch bekannt als Langstreckenwandern, bezeichnet man das Wandern über außergewöhnlich lange Strecken – normalerweise über 50 Kilometer oder sogar mehrere hundert Kilometer. Im Gegensatz zum herkömmlichen Wandern geht es dabei nicht nur um die Bewältigung der Distanz, sondern auch um die Überwindung von anspruchsvollem Gelände, extremen Wetterbedingungen und der eigenen physischen und mentalen Grenzen.

Der Begriff grenzt sich damit klar vom Trailrunning ab: Es wird gegangen, nicht gelaufen. Das klingt zunächst leichter – wer jedoch 80 oder 100 Kilometer am Stück zurückgelegt hat, weiß, dass der Schein trügt. Der Körper belastet sich bei diesen Distanzen auf andere, teils tückischere Weise als beim Laufen: Blasen, Gelenkverschleiß, Schlafentzug und mentale Erschöpfung sind die typischen Begleiter.

Lange galt Wandern als langweilig oder war als etwas für „Alte" verschrien. Doch immer mehr Läufer finden auch an Ultramärschen Gefallen. Hindernisläufe, Marathons, Trailruns oder Ultraläufe galten jahrelang als das Maß aller Dinge – an Extremwanderungen hat kaum jemand gedacht. Das hat sich grundlegend geändert. Inzwischen gibt es ganze Serien von Ultramärschen, die professionell inszeniert werden.

Der Mammutmarsch: Wegbereiter einer Bewegung

Kein anderes Event hat den Ultrahiking-Boom in Deutschland stärker geprägt als der Mammutmarsch. 2006 zogen die Gründer Philipp und Bastian auf eigene Faust los, um 100 Kilometer zu wandern. Blasen, Schmerzen, Flüche und Tränen – schon damals war alles wie heute. In exakt 24 Stunden erreichten sie die 100-Kilometermarke. Aus diesem privaten Experiment wurde eine Großveranstaltung mit Zehntausenden Teilnehmern pro Jahr.

Heute bietet der Mammutmarsch Distanzen von 30, 42, 55 und 100 Kilometern an, verteilt auf zahlreiche Standorte in Deutschland und Europa – von Berlin über München, Wien bis nach Spanien und Norwegen. Allein beim Mammutmarsch in Duisburg waren im vergangenen Jahr mehr als 12.000 Teilnehmer dabei.

Das Konzept lebt von der Mischung: Die Strecken führen durch landschaftlich reizvolle oder kulturell bedeutsame Gebiete. Streckenposten sind an markanten Orten wie dem UNESCO-Welterbe Zeche Zollverein oder dem Tetraeder auf der Halde Beckstraße positioniert. Verpflegung, GPS-Streckenführung, Sanitäter und eine ausgewachsene Community – die sogenannte „Mammut-Herde" – machen aus dem Marsch ein Erlebnis, das weit über bloße Kilometer hinausgeht.

Die Herde ist dabei bunt gemischt: junge Leute, alte Leute, Familien mit Kindern und viele Menschen, die die Wanderung gemeinsam mit ihren Hunden bestritten. Der Mammutmarsch ist kein Wettkampf – es gibt keine Ranglistenzeiten. Wer finisht, gewinnt.

Weitere bekannte Events im Bereich Ultrahiking

Neben dem Mammutmarsch hat sich eine lebhafte Eventlandschaft entwickelt. Der Megamarsch bietet ähnliche Formate mit 50 Kilometern in 12 Stunden und 100 Kilometern in 24 Stunden an, verteilt auf 18 Städte und Regionen. Der Ultramarsch Schwarzwald schickt Teilnehmer auf 50 oder 100 Kilometer über den ZweiTälerSteig mit bis zu 3.400 Höhenmetern. Die Horizontale „Rund um Jena" – eine der ältesten Veranstaltungen dieser Art – findet seit über 35 Jahren statt und umfasst eine 100-Kilometer-Langstreckenwanderung. Der Ultramarsch Usedom verbindet Steilküste und Kaiserbäder zu einer ungewöhnlichen Flachlandroute.

International ist der Jordan Trail (650 km), der Te Araroa in Neuseeland (3.000 km) oder der Pacific Crest Trail in den USA (4.265 km) eine der bekanntesten Ultrahiking-Strecken überhaupt – mehrtägige bis mehrmonatige Unternehmungen, die zu einem eigenen Subgenre der Sportart geworden sind.

Ausrüstung und Vorbereitung

Wandern ist im Grunde niedrigschwellig – die Einstiegshürde ist minimal. Dennoch entscheidet die Ausrüstung besonders bei langen Distanzen über Erfolg und Misserfolg.

Wichtigste Grundausstattung für Tages- und Mehrtagestouren:

  • Schuhe: gut eingelaufen, wasserdicht, mit Knöchelunterstützung – der wichtigste Einzelfaktor

  • Kleidung: Schichtprinzip, wetterfeste Außenlage, Wechselwäsche

  • Navigation: GPS-Gerät oder Smartphone mit Offline-Karten (z. B. komoot, AllTrails)

  • Verpflegung: ausreichend Wasser (mindestens 2–3 Liter), energie- und kohlenhydratreiche Snacks

  • Wanderstöcke: entlasten Knie und Rücken erheblich, besonders beim Abstieg und bei langen Distanzen

Bei Ultrahiking-Events kommt Pflichtausrüstung hinzu: Notfallset, Warnweste, Stirnlampe und Mobiltelefon sind auf den meisten Veranstaltungen vorgeschrieben.

Ultrahiking erfordert eine sorgfältige Vorbereitung: eine solide Grundfitness, Krafttraining für Beine und Rumpf, das Training in unterschiedlichem Gelände und Wetter sowie die Anpassung der Ernährung mit ausreichend Kohlenhydraten, Proteinen und gesunden Fetten.

Wandern als Sportart ernst nehmen

Wandern wird oft noch nicht als wirklicher Sport gesehen. Nach einer Teilnahme beim Mammutmarsch erübrigen sich solche Diskussionen normalerweise.

Das trifft den Kern der Sache. Wer einmal 55 Kilometer mit schwerem Rucksack durch wechselndes Gelände hinter sich gebracht hat – nachts, bei Regen, mit tauben Zehen im dritten Paar Socken – zweifelt nicht mehr daran, dass Wandern körperliche und mentale Stärke fordert. Die scheinbare Einfachheit der Bewegungsform täuscht: Ausdauer, Ernährungsstrategie, Mentale Robustheit und sorgfältige Vorbereitung machen den Unterschied zwischen Finish und Aufgabe.

Wandern ist sport. Es war es schon immer. Der Rest hat nur aufgehört, es zu unterschätzen.

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