Mehrwegbecher, Recycling-Shirts, weniger Papier: Wer einen Wettkampf klimafreundlicher organisieren möchte, findet schnell viele mögliche Maßnahmen. Doch ihre Wirkung auf die CO₂-Bilanz unterscheidet sich erheblich. Wir haben uns angesehen, wo Veranstalter nach aktuellem Stand der Forschung eher große Hebel finden – und wo der Effekt kleiner sein kann, als man zunächst vermutet.
Vielleicht kennt ihr die Diskussion aus eurem Organisationsteam im Verein: Beim nächsten Lauf, Triathlon oder Turnier soll auch das Thema Nachhaltigkeit stärker berücksichtigt werden. Mehrweg statt Einweg? Keine gedruckten Unterlagen mehr? Nachhaltigere Finisher-Shirts?
Alles nachvollziehbare Ansätze. Wenn Zeit und Budget begrenzt sind, ist aber noch eine andere Frage interessant: Wo entsteht bei einer Sportveranstaltung eigentlich besonders viel CO₂?
Die Forschung liefert darauf zumindest eine auffällige Antwort. Eine 2026 veröffentlichte systematische Auswertung von 68 wissenschaftlichen Studien zeigt, dass Reisen und Mobilität im Sport sehr häufig zu den größten Emissionsquellen gehören. In einer Untersuchung von 28 Laufveranstaltungen in Nordamerika entfielen sogar stolze 98,9 Prozent der betrachteten indirekten Emissionen auf die An- und Abreise der Teilnehmenden. Das lässt sich nicht eins zu eins auf einen deutschen Volkslauf übertragen – die Größenordnung zeigt aber, weshalb sich für Veranstalter ein Blick über das eigentliche Veranstaltungsgelände hinaus lohnen kann.
1. Macht eure Veranstaltung vor allem in der eigenen Region bekannt
Ein naheliegender Ansatz wird erstaunlich selten als Klimamaßnahme betrachtet: regionale Teilnehmergewinnung.
Wenn eine Sportlerin für einen Wettkampf 25 Kilometer statt 250 Kilometer zurücklegt, unterscheidet sich die reine Fahrstrecke um den Faktor zehn. Veranstalter können natürlich niemandem vorschreiben, woher er anreist. Sie können aber dafür sorgen, dass Menschen aus der eigenen Umgebung die Veranstaltung überhaupt kennen – und sie bei ihrer Wettkampfplanung als echte Alternative wahrnehmen.
Genau darin könnte ein bislang wenig beachteter Effekt regionalen Marketings liegen. Vielleicht plant ein Läufer für ein bestimmtes Wochenende ursprünglich einen Wettkampf 250 Kilometer entfernt, weil er diesen kennt und dort ohnehin einen Start sucht. Wird ihm frühzeitig ein attraktiver Wettkampf 25 Kilometer vor der eigenen Haustür sichtbar, kann sich die Entscheidung verschieben. Dann entsteht der mögliche CO₂-Effekt nicht dadurch, dass jemand weniger Sport treibt oder auf einen Wettkampf verzichtet, sondern weil derselbe sportliche Anlass mit einer wesentlich kürzeren Anreise verbunden wird.
Das beginnt bei einem gut gepflegten Eintrag in Wettkampfkalendern und reicht über regionale Medien, Vereine, Laufgruppen, Fitnessstudios und Social Media bis zu Kooperationen mit benachbarten Veranstaltungen. Im SPOFERAN-Wettkampfkalender werden Veranstaltungen beispielsweise auf einer Karte sichtbar. Wer in seiner Umgebung nach einem Wettkampf sucht, kann unmittelbar sehen, was vor der eigenen Haustür stattfindet.
Natürlich lässt sich daraus nicht ableiten, dass jede regionale Werbemaßnahme automatisch CO₂ einspart. Eine erfolgreiche Kampagne kann insgesamt mehr Teilnehmer anziehen, und manche davon wären ohne die Werbung womöglich gar nicht gestartet. Interessant wird der Effekt vor allem dort, wo regionale Sichtbarkeit tatsächlich eine bestehende Wettkampfentscheidung verändert: nicht 250 Kilometer zum bekannten Rennen fahren, sondern 25 Kilometer zu einer attraktiven Veranstaltung in der eigenen Region.
Für Veranstalter besitzt regionales Marketing damit möglicherweise einen doppelten Nutzen. Es kann die durchschnittlichen Anreisewege im Teilnehmerfeld verkürzen und gleichzeitig genau den Markt stärken, aus dem besonders leicht wiederkehrende Teilnehmerinnen und Teilnehmer entstehen können.
2. Schaut einmal auf eure Startzeit – und auf den ersten Zug
Ein zweiter Hebel kostet unter Umständen überhaupt nichts. Angenommen, der erste Regionalzug erreicht euren Veranstaltungsort um 8.20 Uhr und der Start ist um 8.30 Uhr. Für fast alle, die mit diesem Zug kommen könnten, ist die Verbindung damit praktisch wertlos.
Beginnt derselbe Lauf um 9.30 Uhr, sieht die Situation plötzlich anders aus.
Natürlich lässt sich eine Startzeit nicht allein nach dem Fahrplan festlegen. Straßensperrungen, Hitze, Genehmigungen, weitere Wettbewerbe und Helfereinsätze können wesentlich wichtiger sein. Aber wenn zwischen 8.30 und 9 Uhr ohnehin kein entscheidender Unterschied besteht, kann sich ein Blick auf Bahn- und Busverbindungen lohnen.
Denn die Unterschiede zwischen den Verkehrsmitteln sind beträchtlich. Das Umweltbundesamt weist für einen durchschnittlich ausgelasteten Pkw 164 Gramm CO₂-Äquivalente pro Personenkilometer aus, beim Fernzug sind es 26 Gramm.
Vielleicht ist die wirkungsvollere Veränderung also nicht der andere Becher im Ziel – sondern eine Stunde im Zeitplan.
3. Macht Fahrgemeinschaften möglichst einfach
Gerade bei Veranstaltungen außerhalb größerer Städte wird das Auto für viele Teilnehmerinnen und Teilnehmer die praktikabelste Anreisemöglichkeit bleiben. Auch dann macht es für die Zahl der Fahrzeuge allerdings einen erheblichen Unterschied, ob vier Personen gemeinsam oder in vier einzelnen Autos zum Wettkampf kommen.
Für Veranstalter lässt sich dieser Punkt vergleichsweise einfach aufgreifen. Bereits bei der Anmeldung könnte freiwillig angegeben werden, ob jemand eine Mitfahrgelegenheit anbietet oder sucht. Denkbar wären ebenso regionale Treffpunkte oder ein entsprechender Hinweis in der Teilnehmerkommunikation. Das garantiert noch keine Fahrgemeinschaften, senkt aber zumindest die organisatorische Hürde dafür.
Gerade wenn die Anreise zu den größeren Emissionsposten einer Veranstaltung gehört, können solche unscheinbaren Maßnahmen interessanter sein als manche deutlich sichtbarere Nachhaltigkeitsidee.
4. Auch Bahn plus Hotel kann eine interessante Option sein
Frühe Startzeiten haben noch einen zweiten Effekt. Wer 200 Kilometer entfernt wohnt, kann möglicherweise morgens mit dem Auto anreisen – mit der Bahn aber nur am Vortag. Dann kommt schnell der Einwand: Wenn zusätzlich eine Hotelnacht nötig ist, kann das doch kaum noch besser sein.
Eine vereinfachte Beispielrechnung zeigt, dass das nicht zwangsläufig stimmt. Bei insgesamt 400 Kilometern Hin- und Rückfahrt ergeben sich mit den Durchschnittswerten des Umweltbundesamtes für einen durchschnittlich ausgelasteten Pkw rund 66 Kilogramm CO₂e pro Person, mit dem Fernzug gut zehn Kilogramm. Für eine durchschnittliche Hotelnacht in Deutschland wird in Emissionsbilanzen ein Faktor von etwa 13,2 Kilogramm CO₂e pro Zimmer angesetzt. Selbst Bahn plus eine Hotelnacht lägen in diesem Beispiel also noch deutlich unter der Pkw-Reise.
Das ist keine allgemeingültige Formel. Vier Personen in einem Auto verändern die Rechnung deutlich. Zwei Personen in einem Hotelzimmer wiederum ebenfalls. Fahrzeug, Hotel und tatsächliche Reise unterscheiden sich.
Für Veranstalter ist daran etwas anderes interessant: Eine gute Bahnanbindung plus eine unkomplizierte Übernachtungsmöglichkeit kann eine echte Alternative zur langen Autofahrt sein. Ein Partnerhotel, Informationen zur letzten Verbindung oder eine passende Startzeit sind deshalb möglicherweise mehr als bloßer Teilnehmer-Service.
6. Beim Finisher-Shirt könnte die Stückzahl wichtiger sein als das Schlagwort auf dem Etikett
Auch Shirts, Medaillen und Starterbeutel werden produziert, transportiert und gelagert. Natürlich lässt sich deshalb über Materialien und Herstellungsbedingungen nachdenken.
Vorher könnte jedoch eine einfachere Frage stehen: Wie viele davon wollen eure Teilnehmer überhaupt?
Bei 2.000 Anmeldungen automatisch 2.000 Shirts zu bestellen, ist eine Möglichkeit. Eine andere wäre, bereits bei der Anmeldung zwischen „mit Shirt“ und „ohne Shirt“ wählen zu lassen.
Wer sein Finisher-Shirt als Erinnerung liebt, bekommt weiterhin eines. Wer bereits genügend Laufshirts besitzt, lässt es weg. Für Veranstalter können dadurch gleichzeitig Einkauf, Größenplanung, Lagerung und Restbestände sinken.
Für die CO₂-Bilanz einer Veranstaltung mit langen Teilnehmerreisen wird das wahrscheinlich nicht der größte Hebel sein.
Aber es ist relativ einfach umzusetzen.
7. Mehrwegbecher? Gerne – nur mit der richtigen Erwartung
Mehrweg kann Einwegmüll reduzieren und damit ein sehr nachvollziehbares Ziel erfüllen.
Für die gesamte CO₂-Bilanz einer Veranstaltung muss der Effekt deshalb aber nicht automatisch groß sein. Gerade bei Veranstaltungen mit langen Teilnehmerreisen können Mobilität und Unterkunft wesentlich stärker ins Gewicht fallen. In der Untersuchung der 28 Laufevents war der Anteil von Eventbetrieb und Abfall gegenüber der Teilnehmeranreise vergleichsweise klein.
Das bedeutet nicht, dass der Mehrwegbecher nichts bringt.
Es bedeutet nur: Er löst vor allem das Problem, für das er gedacht ist – Einwegmaterial und Abfall.
Wer ihn einführt, hat damit einen konkreten Nutzen. Nur sollte daraus nicht automatisch geschlossen werden, die größten CO₂-Posten der Veranstaltung seien damit ebenfalls erledigt.
Eine kleine Maßnahme mit kleinem Effekt ist übrigens noch kein Greenwashing. Problematisch würde es erst, wenn ihre Umweltwirkung wesentlich größer dargestellt wird, als sie tatsächlich ist.
8. Gehört euch auch eine Sportstätte? Dann schaut auf den tatsächlichen Verbrauch
Bei Vereinen mit eigener Halle oder anderen Sportanlagen kann sich die Gewichtung vollständig verändern.
Das Unabhängige Institut für Umweltfragen hat Daten von rund 200 deutschen Sporthallen untersucht. 60 Prozent der betrachteten Hallen wurden energetisch als schlecht eingestuft; zugleich zeigte sich, dass teilweise auch falsche Einstellungen zu höheren Verbräuchen führen. Nur sieben Prozent der befragten Betreiber und Energieberater verfügten über ein digitales Energiemonitoring.
Eine neue Heizung, Wärmerückgewinnung oder eine energetische Sanierung sind große Projekte. Heizzeiten, Lüftung, Beleuchtung oder Nacht- und Wochenendabsenkung einmal zu überprüfen, ist eine andere Größenordnung.
Hier besitzt die Rechnung außerdem einen sehr unmittelbaren Nebeneffekt: Energie, die nicht verbraucht wird, muss auch nicht bezahlt werden.
Was würden wir als Veranstalter zuerst prüfen?
Nicht jede Veranstaltung ist gleich. Bei einem internationalen Marathon sieht die Bilanz anders aus als bei einem Stadtlauf, dessen Teilnehmer fast vollständig aus einem Radius von 30 Kilometern kommen.
Wer bei der eigenen Veranstaltung etwas verändern möchte, könnte deshalb zunächst ganz pragmatisch drei Fragen beantworten:
Woher kommen unsere Teilnehmer eigentlich? Wenn viele lange Anreisen dabei sind, liegt in Mobilität wahrscheinlich ein interessanter Hebel.
Welche Alternativen machen wir praktisch möglich? Fahrgemeinschaften, Bahn, Fahrradstellplätze, Shuttle oder eine passende Startzeit funktionieren nur, wenn sie zum realen Veranstaltungstag passen.
Was produzieren oder verbrauchen wir, obwohl es möglicherweise gar nicht benötigt wird? Das kann beim Finisher-Shirt beginnen und bei einer stundenlang beheizten leeren Halle enden.
Erst danach wird die Frage nach einzelnen Maßnahmen wirklich interessant. Denn vielleicht ist bei eurem Wettkampf tatsächlich der Mehrwegbecher eine sinnvolle nächste Veränderung.
Vielleicht aber auch regionales Marketing, damit mehr Sportlerinnen und Sportler aus 30 statt aus 300 Kilometern Entfernung von euch erfahren. Oder eine Startzeit, die zum ersten Zug passt. Oder schlicht die Möglichkeit, dass vier Menschen gemeinsam in einem Auto anreisen.
Nicht alles davon lässt sich gleich gut auf einem Nachhaltigkeitsbanner darstellen. Für die CO₂-Bilanz kann genau das Unspektakuläre aber trotzdem der interessantere Hebel sein.



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